Einsame Schuhe Nr. 2 – Abschied

Foto: Doris Schumacher

Ein Abschied lässt sich nicht erzwingen. Das ist so: Man hat sich schon verabschiedet, einmal, zweimal, da merkt man, dass man noch immer aneinander hängt. Man schneidet das Band durch, schneidet und schneidet, aber es geht nicht, es ist zu stark. Dann geht man, verschwindet aus dem Blickfeld, ist schon wer weiß wie weit weg, dann merkt man, der andere ist immer noch da. Er lässt sich einfach nicht abschütteln. Oder ist man selbst derjenige, der sich nicht abschütteln lässt? Wer verfolgt hier eigentlich wen? Man hört noch, was der andere sagt, oder glaubt ihn zumindest zu hören. Die Stimme ist einfach so präsent. Man führt Dialoge im Kopf, stumme, sture Dialoge, hört einfach nicht auf zu quatschen, erklärt dem anderen immer wieder, warum und wieso und merkt doch nicht, dass alles schon ganz hohl klingt. Und dann fängt man an, sich zu ärgern, warum man immer noch nicht in der Lage ist, allein zurecht zu kommen. Theoretisch schon, praktisch nicht. Der Kopf hat schon längst alle Entscheidungen getroffen, sie zehn bis zwanzig Mal überprüft, revidiert, dann doch bestätigt, erneut abgewogen und dann in die Warteschleife verbannt, wo sie ihre Kreise ziehen bis zum Sanktnimmerleinstag. Das Herz aber hat noch nicht einmal den ersten Ansatz einer Entscheidung gespürt. Warum ist dieses Herz immer so verdammt langsam? Da hinkt es hinten nach, ignoriert alle Wirbel und Zwirbel in unserem Kopf, alle diese Affirmationen: Es ist besser so. Ich weiß, dass es das Richtige ist. So und nicht anders muss es sein. Das Herz aber will von alldem gar nichts mitbekommen haben. Dumm ist es ja nicht. Es ist zum Glück nicht dumm. Irgendwann kommt es dann. Wenn man die Geduld mit ihm schon fast aufgegeben hat. Dann schleicht es daher, ganz missmutig und klein, trieft noch ein bisschen tränennass, sagt uns mit seiner entwaffnenden Ehrlichkeit: „Sorry, ich war noch nicht so weit.“ Und sofort weiß man, dass es wieder einmal recht gehabt hat. Dass es korrekt war, so lange zu brauchen. Und man begreift, dass der andere die Zeit letztlich doch wert gewesen ist. Man schießt einen eben nicht so aus seinem Leben. Egal, was für einer er war.

Wenn es dann endlich so weit ist, ist das ein ganz komisches Gefühl. Es ist, als würde man schweben. Als würde man abheben, obwohl man doch gar nicht fliegen kann. Man fühlt sich ganz leicht und flau. Ganz wackelig, wie nach langer Krankheit. Verändert. Man sieht die Welt mit anderen Augen. Ist ein Stück weiser geworden. Hat verstanden, dass so ein Abschied keine leichte Sache ist, aber letzten Endes doch gut ist. Man hätte ja unmöglich zusammen bleiben können, selbst wenn man es sich irgendwann versprochen hat. Es ist nicht falsch, so etwas zu versprechen und dann doch nicht zu halten. Jeder wird dafür Verständnis haben. Das Versprechen gar nicht erst zu geben, das ist der größere Fehler. Das hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun.  

Großartig! Unbeschreiblich, was für ein Gefühl. Noch dazu scheint die Sonne. Ein Glück. Wenn es regnen würde, wäre alles noch viel schlimmer. Wenn es regnen würde, weiß ich nicht, ob ich es geschafft hätte. Aber heute war der Tag, die Stunde, der Augenblick. Ich weiß, jetzt geht das Leben weiter. Ich hatte meine Zweifel, die kamen von dem Eindruck her, dass ich mich immer und immer wieder im Kreis gedreht habe. Hopp, bin ich heraus gehüpft aus dem Karussell. Soll es sich ohne mich weiter drehen. Ich kann mich nicht mehr darum kümmern. Ich will es nicht.

Schon komisch. Allein zu gehen. Mir wird das Geräusch noch eine Zeit lang abgehen. Manchmal höre ich es noch, zu lange hat es mich, ja, wie sagt man?, komplettiert. Tripp und Trapp. Tripp und Trapp. Jetzt ist nur mehr mein Tripp zu hören. Tripp. Und dann Stille. Und wieder Tripp. Und wieder Stille. Ich kann ja versuchen, ganz leise zu laufen, damit es nicht so auffällt. Ein Schuh ohne seine bessere Hälfte… Ich denke, wenn ich sehr glücklich aussehe, wird es niemandem auffallen. Ich kann auch noch etwas hier bleiben und die Sonne genießen. Den Wind in den Blättern rauschen hören. Wenn die Sonne untergeht, dann gehe ich. Es hätte ihm gefallen hier, es hätte ihm gefallen. Ja.

Es ist ganz friedlich hier. Unglaublich friedlich. Schön. Diese Stille. Man hört die Grillen zirpen, die Bienen summen, sonst nichts. Ganz entfernt den Lärm der Stadt. Ab und zu kommt ein Auto hier vorbei. Aber dann ist wieder minutenlang nichts. Wahnsinn. Schon toll, dass es solche Flecken noch gibt, wo man einfach sein kann. Einfach nur sein. Sonst nichts. Nichts tun, nichts wollen, nichts müssen. Nur die Natur. War schon eine gute Entscheidung. Jaja. Eine gute Entscheidung. Ja. Ein bisschen traurig ist es schon, keine Frage. Sehr traurig eigentlich.

Ich will die guten Erinnerungen behalten, nur die guten. Die schlechten sollen verblassen. Tun sie auch schon. Das Gute bleibt. Keine Vorwürfe, kein Groll. Es war eine gute Zeit. Ja. Ein bisschen Wehmut kommt jetzt, das ist immer so, wenn man gerade einen Traum zu Grabe getragen hat. Den Kranz niedergelegt, die Schleife drapiert. So soll es bleiben. In ewiger Liebe… oder so ähnlich. Plötzlich ist auch der ganze Zorn verraucht. Dann spaziert man noch ein Stück die Friedhofsmauer entlang und denkt an gar nichts. Man spricht nicht. Man atmet ganz ruhig. Ein Moment fühlt sich an wie ein Stück von der Ewigkeit. So. Die Sonne geht unter. Dann gehe ich jetzt auch. Auf Wiedersehen, vielleicht. Bis bald. Bis bald. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Ein Gedanke zu „Einsame Schuhe Nr. 2 – Abschied“

  1. Liebe Doris, es ist soooo schön wie und was du da schreibst und ich und sicher viele Andere fühlen sich hier angesprochen.
    Alles Liebe und Gute und ich freue mich auf deine nächsten Zeilen und Danke
    Elfriede Bachleitner Hofmann

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s