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Theater spielen im virtuellen Raum?

Was in Workshops passiert, ist immer wieder erstaunlich. Menschen, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben, geschweige denn eine künstlerische Ausbildung genossen haben, entwickeln eine Leidenschaft und Spontaneität in Spiel und Ausdruck, die mich begeistern. Spaß, Neugier und die Bereitschaft, alle Hemmungen und Zweifel hinter sich zu lassen, sind die besten Voraussetzungen für unerwartete Erfolgserlebnisse. „Man kann einfach machen, was man will, das ist total cool“, erzählt mir ein elfjähriges Mädchen nach einem Workshop. Und auch eine Teilnehmerin jenseits der sechzig stellt fest, wie wohltuend es ist, den Kopf auszuschalten und einfach drauf los zu improvisieren.

Dass das spontane Spiel einen geschützten Raum braucht, versteht sich von selbst. Und dass es um Interaktion geht – darum, mit Menschen, die ich vielleicht noch nie zuvor gesehen habe, in eine Spielsituation einzutreten – auch. Nur, wenn die Corona-Krise uns zu sozialen Einschränkungen zwingt, müssen wir darauf verzichten? Wie noch kreativ sein, wie spontan, wie unbeschwert?

Nach dem ersten Workshop per Videokonferenz kann ich sagen. Experiment gelungen. Sicher bietet die Alternative „virtueller Raum“ weitaus weniger Möglichkeiten für Interaktionen, als wenn sich eine Gruppe live in einem Theaterraum trifft. Kreativ und spontan sein kann ich aber auch zuhause im Wohnzimmer. Eine improvisierte Liebeserklärung an eine IKEA-Lampe, ein Interview mit einem Alien per ZOOM, eine spontane Verkaufspräsentation eines zweckentfremdeten Gegenstandes aus dem Alltag – nur drei von vielen Spielideen.

Kreativität in den Alltag zu integrieren, ist eine hervorragende Art, immer wieder neue Räume zu öffnen und sich körperlich und geistig neu aufzustellen. Sich neu zu erfinden und spontan zu sein.

Ich erinnere mich an ein Projekt des Schweizer Künstlers Urs Lüthi, „Art for a better Life“. Exercise 11: „Stell dir vor, du bist ein Tourist in deiner normalen Umgebung.“

Das ist das Prinzip des Theaterspielens. Sich vorzustellen, jemand anderer zu sein und das Verhalten dementsprechend anzupassen. Stimme, Haltung, Mimik, Gestik.

Workshoptermine: 13. November (ZOOM), 20. November (ZOOM), 27. November (ZOOM). Anmeldungen per Mail an doris.schumacher@a1.net Veranstaltet von Theater bodi end sole

Warum überhaupt Theater? Ein etwas sentimentaler Beitrag zur Situation der Kunst in der Krise.

Manche Tage sind so unspektakulär und hinterlassen doch einen tiefen Abdruck im Bewusstsein. In der Seele? Im Herzen? Jedenfalls macht sich da ein Gefühl bemerkbar, das seit längerer Zeit irgendwie untergetaucht war. Koma? Dornröschenschlaf?

Der Fluss ist unterirdisch weitergeflossen. Er war gar nicht vertrocknet. Er hat bloß geschwiegen.

Da waren zuerst nur ein paar Akkorde. Ich saß gerade im Auto, unterwegs zum FS1-Studio, um für den Dachverband Salzburger Kulturstätten ein Statement zur Fair-Pay-Kampagne aufzunehmen.

Zu viele Leute arbeiten im Kulturbereich ehrenamtlich oder für Honorare, angesichts derer sogar Friseurinnen und Hilfsarbeitern nur ein müdes Lächeln über die Lippen kommt.

Ich drehte das Radio auf. Ich wusste sofort, welche Musik da gerade im Begriff war, sich zu entfalten. Die Kraft, die allein die Anfangsakkorde ausstrahlten, war geradezu magisch. Es war das Schlussterzett aus dem Rosenkavalier mit Anne Sofie von Otter als Oktavian. Unmöglich, sich dieser Musik zu entziehen. Sie paralysierte mich beinahe. Ich drosselte das Tempo und fuhr kaum fünfzig, obwohl achtzig erlaubt gewesen wären.

Ich kam ins Studio, noch völlig gefangen von dieser Musik.

„Kunst und Kultur sollen und müssen für jede und jeden zugänglich und nutzbar sein. Professionelle Kunst- und Kulturarbeit muss angemessen bezahlt werden, wie jede andere Dienstleistung auch.“

Im Anschluss unterhielt ich mich noch mit einer Regisseurin, die kurz vor mir dran gewesen war. Beide ratlos, wie wir in Zeiten wie diesen unserer Arbeit noch eine Chance geben könnten, wo wir doch allein gar nichts machen können. Wir können diesen Zauber auf der Bühne – der Grund, warum wir uns überhaupt dem Theater verschrieben haben – nur dann herstellen, wenn wir andere Menschen finden, die mit uns arbeiten wollen.

Lange Zeit hatte ich immer wieder Zweifel, ob dieser Beruf der richtige für mich sei. So unvernünftig, nicht krisenfest, nicht einmal unter „normalen“ Umständen ein ernstzunehmender Brotberuf. Schon gar nicht mit Familie. Wie soll das gehen? Warum mache ich das überhaupt?

Ein paar Takte des Rosenkavaliers und ich wusste sofort wieder, warum ich Theater so sehr liebe, dass ich ihm meine Energie und Kreativität widme und auch anderen Menschen diese zwingende Emotionalität vermitteln will, die uns kein anderes Medium zu offenbaren vermag.

Abends zuhause öffne ich Social Media und sehe, dass wieder einmal Kollegen von mir einen Beitrag zur aktuell so aktiven „Onlinekultur“ geleistet haben. Sie haben „Hallelujah“ von Leonard Cohen aufgenommen, mit einem neuen Text, der beschreibt, wie Künstlerinnen von zuhause aus kreativ werden und sich nun gezwungenermaßen im Internet ihre neue Bühne suchen.

Und wieder passierte es: Große Gefühle von einer Qualität, die ich selbst als Profi oft im Theateralltag vermisste.

Was ist das? Was wird nun daraus? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wer die Kunst in sein Leben lässt, ist niemals allein.

Status: ICH! / Avatar

Foto: Nicole Baïer / atelierdemontage

Theaterprojekt mit der NMS Hallein Stadt

Wer bin ich im virtuellen Raum? Wo bin ich, wenn ich im Internet surfe/Computerspiele spiele? Mit wem habe ich es in virtuellen Räumen zu tun, wer sind die Menschen in Foren und sozialen Netzwerken? Was ist Realität, was Illusion?

Familienmitglieder leben in weit entfernten Ländern. Wie erreiche ich sie? Wie bleibe ich mit ihnen in Verbindung? Wie unterscheiden sich diese Fernbeziehungen von Beziehungen mit Menschen vor Ort? Bringt die Digitalisierung Menschen einander näher oder nicht? Wo werden Gefühle und Emotionen im virtuellen Raum verortet? Haben sie überhaupt noch einen Ort? Brauchen wir Berührung und Körperkontakt? Wie können wir einander nahe sein, wenn doch tausende Kilometer zwischen uns liegen?

Bin ich derselbe Mensch hier oder anderswo? Wie switchen wir zwischen realen und virtuellen Räumen? Was sind Parallelwelten? Wo liegen die Grenzen? Wo verschwimmen sie? Wo finde ich mich wieder? Wo verliere ich mich?

Wo lauern die Gefahren, wo die Chancen der Digitalisierung? Was ist echt und was ist Fake? Selbstbestimmung und Manipulation – kann ich das noch unterscheiden?

Die Schülerinnen und Schüler nutzen einen groben Handlungsleitfaden als Raum für ihre eigenen kreativen Impulse. Mit Recherchen, Alltagsbeobachtungen und eigenen Erfahrungen gestalten die Jugendlichen mit dem Kulturpartner den künstlerischen Prozess und erarbeiten ihr eigenes Stück. Durch Improvisationen tasten sie sich an ein Thema heran, das uns alle umgibt.

Beteiligte Künstlerinnen: Doris Schumacher (Regie), Nicole Baïer (Video)

Das Projekt wird gefördert durch culture connected – Kooperation zwischen Schulen und Kulturpartnern

INFO: Das Theaterprojekt mit der NMS Hallein Stadt wird aufgrund des Ausbruchs von COVID-19 auf den Herbst 2020 verschoben.