Einsame Schuhe Nr. 9 – Hängebrücke

Die harten Fakten sind: Ich hänge in der Luft. Schwebe über dem Abgrund. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, ich stecke fest. Meine Welt hat Schieflage, meine Existenz ist aus den Fugen geraten. Ich kann mir leicht mit Wortspielereien die Zeit vertreiben und einreden, all das hätte doch noch einen Sinn. Aber hat es das? Alles ist anders. Alles ist komisch. Wonach ich greife, entschwindet mir. Mir ist schwindlig. Weiß nicht, wohin mit mir. Hoffentlich falle ich nicht runter. Das würde mir den Rest geben. So ein ständiges Schlingern, ein Tasten, ein Schaukeln, ein Fühlen. Wo ist der Weg? Unter mir hat sich ein kleines Rinnsal in einen reißenden Fluss verwandelt. Und ich, hängend an den Seilen der längsten Hängebrücke dieser Erde. Ich muss auf die andere Seite und kann sie nicht einmal sehen. Muss ich? Will ich. Es geht weder vorwärts, noch zurück. Im Augenblick Stillstand. Über mir wölbt sich der Himmel wie eine gigantische Käseglocke. Hallo! Hallo? Jemand da? Kann mir vielleicht wer helfen? Keiner hört mich. Ich bin ganz alleine hier. Ich habe ja nichts gegen eine neue Perspektive, ein bisschen Abenteuer. Von Zeit zu Zeit mal einen anderen Blickwinkel einnehmen. Wäre da nicht diese grauenhafte Hilflosigkeit. Ohnmacht. Wie bin ich hierher gekommen? Was habe ich falsch gemacht? Das sind so Fragen, auf die ich keine Antwort finde. Viel eher muss ich mich mit den blanken Tatsachen begnügen. Ich hänge. Mehr gibt es dazu vielleicht gar nicht zu sagen. So lange das Wetter gut ist, ist das an sich kein Problem. Ich will nichts schönreden, aber es gibt Schlimmeres. Flucht oder Krankheit. Krieg. Tod. Hier ist bis auf Weiteres wenigstens alles friedlich, keiner schießt auf mich. Dennoch fühle ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut. Der Wind ist schon rauer geworden. Die Töne etwas schrill. Die Farben nicht mehr so pastellig. Sogar dieserorts kriegt man das mit, obwohl das hier so was wie eine Insel der Seligen sein soll. Das heißt, dass sich die überwiegende Mehrheit noch glaubhaft vormacht, dass die Welt, abgesehen von einigen Schönheitsflecken, doch ganz in Ordnung sei. Sie ist gar nicht in Ordnung! Hört ihr mir zu? Gar nichts ist in Ordnung! Machtgeile Affenärsche führen nach und nach den Untergang von  Moral und Ethik herbei. Und die, die sich darüber aufregen, so wie ich, die können in Wahrheit auch nichts daran ändern. Ein besserer Mensch zu sein lernt man ja heutzutage schon in der frühen Kindheit. Oder auch nicht. Wenn es heute noch regnet, Leute, dann kriege ich die Krise. Was schreie ich hier rum? Völlig umsonst. Ich bin ganz ausgelaugt. Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein. Überhaupt hängt mir der Optimismus zum Hals raus. Der Realismus übrigens auch. Sowieso sind mir Wörter mit Ismus suspekt. Man glaubt zu wissen, was sie bedeuten, aber es ist doch alles nur Interpretation. Wie übrigens auch meine Zwangslage hier. Ich könnte sagen: Endlich mal Zeit für mich! Keiner will was, keiner nervt. Das muss man auch genießen können. Kann ich nicht. Will ich nicht. Glücklich ist, wer schätzt, was er hat. Ich will ja gar nicht glücklich sein. Das wäre auch echt ein bisschen zu viel verlangt.

Einsame Schuhe Nr. 8 – Aufstieg

Ich weiß gar nicht, was alle immer gegen das Alleinsein haben. Im Endeffekt geht einem das ganze Gequatsche um Geld und Ruhm ja doch früher oder später auf den Geist. Die meisten rennen einfach los, aber so geht das nicht. Auf den Berg geht man langsam, Schritt für Schritt. Schweigend. Da muss ich nicht nebenbei über die Börsenkurse informiert werden. Das Wichtigste ist: Nicht aus dem Rhythmus kommen. Es ist sozusagen eine Meditation. Die größtmögliche Freiheit erreicht man beim Bergsteigen. Freier geht nicht. Dann gibt es natürlich die, die schon wieder einen Sport daraus machen. Immer kämpfen, immer die eigenen Grenzen dehnen, das hat aber mit Freiheit nichts zu tun. Es heißt nicht umsonst, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Wenn du so einen Aufstieg vor dir hast, musst du dir das klar vor Augen führen. Wenn du zu schnell startest, kommst du nicht rauf. Du musst dir deine Kräfte einteilen. Nur dann schaffst du es. Jeder kann es schaffen. Jeder kann den Gipfel erreichen. Egal, wie alt oder jung er ist. Ausschlaggebend ist nur, dass du dein eigenes Tempo findest. Du kannst dich auch einmal ein bisschen umschauen, nicht immer nur auf den Boden starren. Die gute Luft einatmen. Die Stille genießen. Den Sonnenaufgang betrachten. Die Kälte in die Lungen einsaugen und gleichzeitig wissen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, sich zu hetzen. Auf den Wiesen liegt noch der Tau. Du musst schon ein bisschen gehen, damit dir warm wird. Dann gehst du und gehst du, die aufgehende Sonne im Gesicht. Am Anfang geht dir noch das eine oder andere aus deinem Leben durch den Kopf, aber irgendwann hörst du auf zu grübeln. Du fragst dich, wie es oben auf dem Gipfel wohl sein wird. Der Gipfel ist im Prinzip alles, woran du noch denkst. Er begleitet dich ständig auf Schritt und Tritt. Wenn es den Gipfel nicht gäbe, wärst du vielleicht gar nicht gestartet. Es geht immer nur darum, hinauf zu kommen. Aber wenn du nicht mehr kannst, bleibst du stehen. Wenn sich das Wetter ändert, drehst du um. Wenn es eine Gefahr gibt, holst du Hilfe. Alles andere wäre reine Dummheit. Du hast eine Karte. Du hältst dich an die Markierungen, verlässt nicht die gesicherte Route. Du weißt, wo die Schutzhütte ist. Du hast genügend Wasser dabei und Nahrung, vielleicht sogar einen Schlafsack. Überhaupt ist dein Rucksack ganz schön schwer. Deshalb musst du langsam gehen. Dein Körper muss sich erst an die Anstrengung gewöhnen. Die ganze Muskulatur ist am Anfang noch starr, die Gelenke noch steif. Das ändert sich mit jedem Schritt. Deine Lungen gewöhnen sich an den vielen Sauerstoff. Du ziehst die Jacke aus, aber pass auf, dass du dich im Wind nicht erkältest. Hier wachsen noch ein paar Bäume, und der Waldweg ist schattig und kühl. Weiter hinauf dann zu den Almen, dort gibt es frische Milch und Wasser. Weiter oben wachsen nur mehr die Latschen, vielleicht ein paar Disteln. Dann weißt du, dass es nicht mehr weit sein kann. Es wird felsig, du musst dich gut halten, vielleicht noch einmal deine Schuhe binden. Hast du einen Hut mitgenommen? Die Sonne brennt dir auf den Kopf, hier gibt es keinen Schatten mehr. Der Weg will schier nicht enden, es ist doch weiter als du dachtest. Jetzt gibst du nicht mehr auf, es gilt, den Gipfel zu erreichen. Vielleicht hast du schon von Weitem das Kreuz gesehen, aber noch bist du nicht oben. Der Weg wird enger, es ist nur mehr ein schmaler Schotterpfad, neben dir stürzen Geröllhalden weit in die Tiefe. Ein falscher Schritt, und du bist verloren. Du konzentrierst dich. Gehst weiter, denkst an nichts anderes mehr als nur nicht abzurutschen, deinen Füßen vor dem nächsten Schritt immer festen Halt zu geben. Deine Kräfte werden vielleicht gerade noch reichen, bis du oben bist. Du krabbelst auf allen Vieren über die Felsen, steigst hinauf, hinauf, deine Hände greifen warmen Stein, halten sich an den letzten Grasbüscheln fest, helfen mit, dein ganzer Körper arbeitet, und unter dir das grüne Tal. Von oben kommen dir Wanderer entgegen, du bleibst stehen, lässt sie vorbei, sie lachen, grüßen freundlich. Einer sagt: „Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Du nickst höflich, und während sie scherzend hinter der nächsten Biegung verschwinden, steigst du weiter hinauf. „Jetzt ist es nicht mehr weit“, denkst du. Bei den letzten Schritten nur keine Dummheit machen, schön vorsichtig, du hast es noch nicht geschafft. Rutsch nicht ab, halt dich schön fest. Oben warten die Dohlen.

Schweigen

Was passiert da gerade mit mir? Wenn in mir plötzlich dieses ewige Geplapper aufhört? Wenn innen und außen die Stille regiert? Die Stille kann nicht anders als regieren. Auch wenn es täglich so klingt, als ob sie längst ihr Amt abgegeben hätte. Nein. Die Wahrheit ist, sie hat das Zepter noch fest in der Hand. Da setze ich mich hin. Weil ich einfach nicht weiß, was ich sonst tun soll, setze ich mich hier hin, nur für einen kurzen Moment, um Atem zu holen. Sanft senkt sich das Schweigen über mich. Ein Paradoxon: über das Schweigen zu reden. Aber wie sonst soll man dem Schweigen Gehör verschaffen? Wer schweigt, leistet keinen Widerstand. Nimmt nicht Stellung. Ist mehr im Zentrum als alles andere. Wer schweigt, hört zu. Verhält sich wie eine Heiligenstatue. Eine Muttergottes. Ein Buddha. Eine Ikone. Strahlendes Schweigen. Inniges Schweigen. Entrücktes Schweigen. Das Schweigen scheint nunmehr lauter und wichtiger zu sein als je zuvor. Jedes Geräusch stört. Schmerzt. Fühlt sich an wie eine Nadel im Kopfkissen. Wer schweigt, atmet. Es ist ein ruhiger, fließender Atem, nicht bloß so ein oberflächliches Schnappen nach Luft. Wer schweigt, lässt die Dinge passieren. Wer schweigt, ist vor Ort, nimmt aber nicht teil. Ich gebe zu, ich bin keine Expertin im Schweigen. Habe kein Gelübde abgelegt und kann mich kaum einen Profi nennen. Ich schweige vielmehr zum ersten Mal so richtig. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals wirklich geschwiegen zu haben. Selbst wenn ich aus Trotz oder Ärger oder Müdigkeit nicht mehr den Mund aufgemacht habe, oder um jemanden oder mich selbst zu bestrafen oder aber auch zu schonen, oder weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, war das doch kein echtes Schweigen. Im Gegenteil! Es war lauter in mir und um mich herum als sonst. Wenn ich aber tatsächlich schweige, könnte vor mir ein Mord passieren, und ich würde nichts dazu sagen. Es würde an mir vorüberziehen wie ein Film. Wenn ich schweige, habe ich nichts mehr mit der Welt zu tun. Ich bin ausgestiegen. Abgesprungen. Bin weder traurig noch glücklich und schon gar nicht zufrieden. Mein Schweigen hat keine Richtung und kein Ziel. Es ist einfach da. Wunschlos. Sorglos. Willenlos. Ohne Trotz. Ohne Hoffnung, aber nicht hoffnungslos. Zwanglos. Gedankenlos. Sinnlos. Zeitlos. Stopp.