Einsame Schuhe Nr. 7 – Untertauchen

Foto: Doris Schumacher

Manchmal muss man eine Entscheidung treffen. Zurückblicken, vorwärtsschauen, das alles hilft eine Zeit lang, aber dann nicht mehr. Abwägen, überdenken, beurteilen, das Urteil revidieren, damit kommt man an gewisse Grenzen. Steht vor einer hohen Ziegelmauer und merkt, dass man das Schild übersehen hat: Sackgasse. No way back. Dann holt man die Steigeisen raus und versucht es mal mit Klettern. Vielleicht kommt man ja oben drüber. Meistens funktioniert das nicht. Vorübergehend kann man sich damit ablenken, dass man sich umsieht und schaut, wo man ist, was links und rechts so los ist, aber mittelfristig kommt man nicht umhin, sich eingehender mit dem Ungetüm zu befassen, das den Weg versperrt. Wie oft hatten wir das schon, denken wir, irgendwann hat sich alles von selbst geregelt. Auf fast magische Art und Weise ist dann doch eine Tür aufgegangen oder wir sind wie die Gespenster einfach durch das Mauerwerk geflutscht. Und weiter ging’s. Aber jetzt ist es anders, da ist keine Mauer. Es geht hinunter, direkt ins kalte Bad. Hinein in diese trübe Brühe, kein Mensch weiß, ob wir da jemals wieder rauskommen werden. Keine Brücke weit und breit, und selbst wenn da eine wäre, wüssten wir doch, dass wir den anderen Weg gehen müssen. Schwimmen, so lange wir noch können. Und dann? Tief Atem holen, Augen zu, Luft anhalten, untertauchen. Ein Gefühl dafür kriegen, wann wir gegen die Strömung ankämpfen und wann wir uns treiben lassen sollen. Kraft sparen. Aber nicht die Stromschnellen unterschätzen, das hat schon den ein oder anderen das Leben gekostet, und sterben wollen wir auf keinen Fall. Wer kann das schon alles beim ersten Mal so genau beurteilen? Es ist nicht das erste Mal für uns, aber doch wieder neu. In dieser Intensität erschreckend anders als beim letzten Mal. Noch sind uns keine Flossen und Kiemen gewachsen. Noch sind wir keine Kinder des Flusses namens Veränderung, wir klammern uns an einen Strohhalm wie an einen Schnorchel, den wir nicht haben, schauen, dass wir an die Oberfläche kommen und saugen verzweifelt die Luft ein, bevor wir wieder abtauchen. Gezwungenermaßen.
Wir wollten ja gar nicht hier her. Was soll das alles? Keiner gibt uns Antwort. Nur der Bach vor uns und sein unheimliches Fließen. Normalerweise ein Rinnsal, man sieht die Steine am Grund. Nach ein paar Tagen Regen ein undurchschaubarer Strom. Frisch geputzt und neu einzementiert. Das hat er sich auch nicht ausgesucht. Wahrscheinlich will er das alles genauso wenig wie wir. Na gut, vielleicht sind wir hinterher wenigstens etwas klüger. Reifer. Weiser. Noch zwei Stufen und schon berühren wir mit der Spitze die Wasseroberfläche. Kalt. Fließend. Im Nu werden wir weggespült werden, wie ein Stück Rinde. Bald befinden wir uns in einem größeren Zusammenhang. Verlieren uns. Jeder kämpft für sich allein – da, wo wir hinkommen werden, gibt es kein Wir. Dafür ist es viel zu umfassend. Ob wir uns wiedersehen werden? Es wird eine andere Zeit sein. So oder so. Und auch wir werden andere sein. Was? Wir sind noch immer hier? Wer macht den ersten Schritt? Wer ist der Testpinguin? Wer springt schon freiwillig als erster? Also los. Hand in Hand. Auf drei.

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Einsame Schuhe Nr. 5 – Felix

Foto: Doris Schumacher


(Zaghaft) Hallo!
Hallo, Kleiner! Was machst du hier ganz alleine? Wo ist deine Mama?
(Unsicher) Mama?
Deine Mama? Wo ist sie?
Mama? Mama? (fängt an zu weinen)
Nein, nein, wir finden deine Mama schon wieder.
(schluchzt) Mama!
Wie heißt du?
Felix.
Ok, Felix. Weißt du, wo du wohnst?
(Kopfschütteln)
Hast du einen Bruder oder eine Schwester?
Buder.
Wie heißt dein Bruder?
(Kopfschütteln.)
Dein Bruder, wie heißt er?
(unsicherer Blick)
Heißt er vielleicht Lukas?
Kopfschütteln.
Oder Benjamin?
(Lächeln.)
Heißt er Benjamin?
(Kopfschütteln.)
Hm. Heißt er vielleicht Laurenz?
(Schluchzen.)
Heißt er Theo?
Ja.
Theo heißt dein Bruder.
(unsicher) Deo.
Und, wohin wolltet ihr gehen? Zum Einkaufen?
(Nicken.)
Was wolltet ihr kaufen?
Kuchen.
Kuchen, aha. Hast du Geburtstag?
Deo Butstag.
Aha, Theo hat Geburtstag. Wie alt ist denn Theo?
(Kopfschütteln.)
Ist er kleiner oder größer als du?
(Schulterzucken.)
Bist du aus dem Kinderwagen gefallen?
Ja.
Hm. Deine Mama wird dich bestimmt schon suchen.
(schreit) Mama, Mama, Mama, Mama!
 
Was machen Sie mit dem Kleinen?
Ich? Nichts! Er ist verloren worden.
Und Sie? Was haben Sie hier verloren?
Ich kümmere mich um ihn.
Was geht Sie der Kleine an?
Was geht es Sie an, was mich der Kleine angeht?
Sehr viel sogar. Man weiß ja nicht, mit wem man es zu tun hat.
Das sagen Sie!
Lassen Sie den Kleinen in Ruhe.
Er hat seine Mutter verloren.
Ich rufe die Polizei.
Das ist doch nicht nötig. Sie wird doch bestimmt schon nach ihm suchen. Sie sehen doch, dass er Angst hat.
(Er ruft die Polizei.)
Na gut, dann kann ich ja gehen. Baba, Felix. (geht)
Baba.
Wie heißt du?
Felix.
Die Polizei kommt gleich, Felix. Ich warte hier mit dir. Wie heißt deine Mama?
Mama!
Wo wohnt ihr?
(Kopfschütteln.)
So einen kleinen Schuh verlieren, wie geht denn das? Was ist denn das für eine Mutter?
Mama! Mama! Mama!
Willst du ein Eis?
Eis.
Na, dann komm mit, ich kaufe dir ein Eis.
(Kopfschütteln.)
Nicht. Na dann nicht.
Ah ja, schon da, die Kollegen von der Exekutive.
Der Kleine wurde verloren. Ich muss dann weiter. Sie kümmern sich ja darum.

(Zu Felix) Wie heißt du?
Felix.
Wo ist deine Mama?
(schreit) Mama! Mama! Mama! Mama! Mama! Mama! Mama!
Na, sie wird schon wieder kommen, deine Mama. Was machen wir denn jetzt mit dir?

 
 
 

Einsame Schuhe Nr. 3 – Warten

Foto: Doris Schumacher

Also, ich würde sagen, wir warten mal.
Ja.
Wie spät ist es?
Hm. Was?
Wie spät?
Schätzungsweise bald Mittag.
Ah ja. Na gut. Dann warten wir eben.
Ja.
Hihi.
Was hihi?
Nichts.
Nun sag‘ schon.
Nein.
(Schweigen)
Was hihi?
Hihi eben.
Dein Hihi muss ja irgendeinen Grund gehabt haben.
Schon.
Und welchen?
Ich habe gerade an Beckett gedacht.
An was?
Warten auf Godot. Wie der eine immer sagt: „Komm, wir gehen“, und der andere: „Nein, wir müssen doch warten.“ Das ist mir gerade eingefallen.
Ich denke immer an Siddharta beim Thema Warten. Wie der sich wochenlang bemüht und wartet, bis diese Frau ihn zu sich lässt.
Kamala.
Ja. Das ist wirklich Geduld. Das bewundere ich. „Ich kann denken, ich kann warten, ich kann fasten“, sagt er immer zu ihr. Mit dem Warten und dem Fasten hatte ich immer schon meine Probleme.
Und mit dem Denken?
(Schweigen)
Das Warten zahlt sich aus. Beim Fasten habe ich da so meine Zweifel.
Ich auch.
Wir warten immerhin zu zweit, das ist etwas ganz anderes.
Ja. Darum habe ich ja von Beckett gesprochen. Weil die auch zu zweit sind.
Mhm. Wie heißen die beiden noch mal? Es fällt mir nicht ein.
Estragon und Wladimir.
Langsam erinnere ich mich wieder.
Warten wir noch?
Was sollen wir sonst tun?
Ob noch jemand kommt?
Ich hoffe es! Sonst warten wir ja ganz umsonst, das möchte ich nicht.
Ein Risiko ist es immer.
Was?
Ein Risiko.
Was ist ein Risiko?
Alles.
Ich verstehe dich heute wirklich nicht. Du sprichst in Rätseln.
Das ganze Leben ist ein Risiko. Aber auf etwas zu warten, ist besonders riskant.
Warum?
Weil immer die Möglichkeit besteht, dass es umsonst ist.
Ach so. Warum warten wir dann?
Weil…
Warum also?
Wir können auch gehen!
Gut! Wohin?
Da ich auch nicht weiß, wohin, warten wir eben.
Also doch.
Ja.
Warten ist blöd.
Ich weiß.
Warum warten wir also?
All things come to those who wait.
Typisch von dir, dass du das sagst.
Keep calm and carry on.
Noch so ein Spruch und ich gehe.
(Schweigen)
Schon komisch.
Was?
Wie anders sich die Zeit anfühlt, wenn man nur wartet. Ewig. Ich bekomme langsam einen Begriff von der Ewigkeit. Alle gehen irgendwohin, haben ein Ziel, etwas zu tun, haben es eilig oder auch nicht, aber niemand steht einfach nur so rum und wartet. Außer uns. Die Welt dreht sich weiter, aber wir drehen uns nicht mit. Wir sind erstarrt.
Du tickst nicht ganz richtig.
Nein, es ist doch wirklich so! Stillstand.
Still bist du ja gerade nicht.
Wir stehen still. Merkst du das nicht? Wir bewegen uns keinen Millimeter!
Aber wir könnten.
Das ist die Frage.
Wir könnten, aber wir wollen nicht.
Wenn du meinst.
Ob sie uns vergessen haben?
Wer?
Na die, auf die wir warten.
Auf wen warten wir?
Füße?
Ach ja, Füße. Ob sie sich an uns erinnern?
Ich weiß nicht. Vielleicht haben sie uns vergessen.
Wie spät ist es?
Warum fragst du mich das?
Mir ist langweilig.
Das ist normal.
Wir könnten ein Spiel spielen.
Was?
Ich seh‘, ich seh‘, was du nicht siehst.
Und das ist veilchenblau.
Veilchenblau? Hier gibt es gar nichts Veilchenblaues.
Doch.
Du meinst hellblau.
Nein, veilchenblau.
Du gehst mir auf die Nerven.
Das sagst du so.
Was machen wir jetzt?
Wie spät ist es?
Es ist Zeit.
Wofür?
Zeit eben. Es ist Zeit, etwas zu tun. Wir können nicht nur hier herumstehen und so tun, als hätte das irgendeinen Sinn.
Sinnloser Aktionismus bringt auch nichts.
Wer spricht denn von Aktionismus?
Was willst du denn tun?
Irgendwas.
Na bitte.
Da! Da sind sie!
Wer?
Sie!
Wo?
Dort!
Wer denn?
Ach nein, doch nicht.
Versetzt mich da in Aufregung…
Ich dachte, ich hätte sie gesehen.
Sie sehen alle so ähnlich aus, diese Füße. Da kann man schon mal was verwechseln.
Wenigstens vergeht die Zeit.
Wir haben doch gar keine Zeit.
Das ist auch wieder wahr.
Irgendwas wird die Warterei schon bringen.
Bestimmt.
Du.
Ja?
Gehen wir?