„Tosende Stille“ – ein Beethoven-Projekt

Ein spannendes Projekt von Theater bodi end sole, bei dem ich erstmals auch künstlerisch mit dem Team zusammenarbeite. Gemeinsam mit Christa Hassfurther und Bashir Kordahji haben wir ein Konzept für eine Performance entwickelt, die im virtuellen Raum zu sehen sein wird, aber mehr ist als die bloße Verfilmung eines Bühnenstücks. Eine Collage aus filmischen und theatralischen Elementen.

Der Anlass: Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag. Die Idee: Beethoven jenseits des Geniebegriffs zu erforschen. Die Komponistinnen der Zeit hörbar zu machen.

Die Recherchen führen uns gleich zu einer Reihe von Spannungsfeldern, aus denen sich problemlos mehrere Stücke entwickeln ließen. Angefangen bei den Komponistinnen der Beethoven-Zeit, die hin- und hergerissen waren zwischen ihren Rollen als Frauen – vorgesehen für Ehe und Mutterschaft – und ihrem Bestreben, professionelle Musikerinnen und Komponistinnen zu sein. Emilie Mayer, Fanny Hensel, Marianne Martines, Luise Adolpha Le Beau und viele andere.

Die faszinierende Figur der Leonore im „Fidelio“, die sich als Mann verkleidet und sich das Vertrauen von Rocco erkämpft, um ihren Mann aus dem Kerker zu befreien. Während Marzelline von Ehe und Kindern träumt, bewegt sich Leonore als Fidelio in einer ganz anderen Dimension – die einigen damaligen Frauen nicht ganz fremd gewesen sein dürfte. Gab es doch immer wieder Frauen, die sich als Männer verkleidet in Uniform den Soldaten verschiedener Heere anschlossen, um mit ihnen in den Krieg zu ziehen. Eine von ihnen, Nadeschda Durowa, diente in der Russischen Armee und verfasst später ihre Memoiren. (Auf Deutsch unter dem Titel „Die Offizierin“ erschienen.)

Wir beschäftigen uns mit Olympe de Gouges, die 1791 ihre Frauenrechte verfasst und damit dem Feminismus eine Grundlage gegeben hat. Fünf Jahre zuvor hatte Schiller sein Gedicht „An die Freude“ geschrieben, das durch Beethovens Vertonung in der Neunten unvergesslich geworden ist.

Und nicht zuletzt Beethoven selbst, der an seiner fortschreitenden Ertaubung und der Isolation von seiner Umwelt litt. Der Kritiker der Aristokratie, der sich für die französische Revolution begeisterte, aber enttäuscht war von Napoleons Machtstreben. Die Utopie einer besseren und gerechteren Welt schwingt in seinen Werken mit und begleitet uns bis heute.

So, 17. Jänner um 19 Uhr bei FS1

Infos: https://bodiendsole.at/events/tosende-stille-i/

  • Mit Marion Hackl, Domenica Radlmaier, Gertraud Steinkogler-Wurzinger, Wolfgang Oliver – Performance
  • Nicole Baïer – Szenografie, Video
  • Marion Hackl – Ausstattung
  • Gertraud Steinkogler – Idee
  • Bashir Khordahji – Produktionsleitung
  • Doris Schumacher, Christa Hassfurther – Konzept, Dramaturgie, Regie
  • Werner Lemberg – Klavier
  • Sophie Hassfurther – Saxophon

Theater spielen im virtuellen Raum?

Was in Workshops passiert, ist immer wieder erstaunlich. Menschen, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben, geschweige denn eine künstlerische Ausbildung genossen haben, entwickeln eine Leidenschaft und Spontaneität in Spiel und Ausdruck, die mich begeistern. Spaß, Neugier und die Bereitschaft, alle Hemmungen und Zweifel hinter sich zu lassen, sind die besten Voraussetzungen für unerwartete Erfolgserlebnisse. „Man kann einfach machen, was man will, das ist total cool“, erzählt mir ein elfjähriges Mädchen nach einem Workshop. Und auch eine Teilnehmerin jenseits der sechzig stellt fest, wie wohltuend es ist, den Kopf auszuschalten und einfach drauf los zu improvisieren.

Dass das spontane Spiel einen geschützten Raum braucht, versteht sich von selbst. Und dass es um Interaktion geht – darum, mit Menschen, die ich vielleicht noch nie zuvor gesehen habe, in eine Spielsituation einzutreten – auch. Nur, wenn die Corona-Krise uns zu sozialen Einschränkungen zwingt, müssen wir darauf verzichten? Wie noch kreativ sein, wie spontan, wie unbeschwert?

Nach dem ersten Workshop per Videokonferenz kann ich sagen: Experiment gelungen. Sicher bietet die Alternative „virtueller Raum“ weitaus weniger Möglichkeiten für Interaktionen, als wenn sich eine Gruppe live in einem Theaterraum trifft. Kreativ und spontan sein kann ich aber auch zuhause im Wohnzimmer. Eine improvisierte Liebeserklärung an eine IKEA-Lampe, ein Interview mit einem Alien per ZOOM, eine spontane Verkaufspräsentation eines zweckentfremdeten Gegenstandes aus dem Alltag – nur drei von vielen Spielideen.

Kreativität in den Alltag zu integrieren ist eine hervorragende Art, immer wieder neue Räume zu öffnen und sich körperlich und geistig neu aufzustellen. Sich neu zu erfinden und spontan zu sein.

Ich erinnere mich an ein Projekt des Schweizer Künstlers Urs Lüthi, „Art for a better Life“. Exercise 11: „Stell dir vor, du bist ein Tourist in deiner normalen Umgebung.“

Das ist das Prinzip des Theaterspielens. Sich vorzustellen, jemand anderer zu sein und das Verhalten dementsprechend anzupassen. Stimme, Haltung, Mimik, Gestik.

Workshoptermine: 13. November (Zoom), 20. November (Zoom), 27. November (Zoom), 11. Dezember (Zoom). Anmeldungen per Mail an doris.schumacher@a1.net Veranstaltet von Theater bodi end sole