Warum überhaupt Theater? Ein etwas sentimentaler Beitrag zur Situation der Kunst in der Krise.

Manche Tage sind so unspektakulär und hinterlassen doch einen tiefen Abdruck im Bewusstsein. In der Seele? Im Herzen? Jedenfalls macht sich da ein Gefühl bemerkbar, das seit längerer Zeit irgendwie untergetaucht war. Koma? Dornröschenschlaf?

Der Fluss ist unterirdisch weitergeflossen. Er war gar nicht vertrocknet. Er hat bloß geschwiegen.

Da waren zuerst nur ein paar Akkorde. Ich saß gerade im Auto, unterwegs zum FS1-Studio, um für den Dachverband Salzburger Kulturstätten ein Statement zur Fair-Pay-Kampagne aufzunehmen.

Zu viele Leute arbeiten im Kulturbereich ehrenamtlich oder für Honorare, angesichts derer sogar Friseurinnen und Hilfsarbeitern nur ein müdes Lächeln über die Lippen kommt.

Ich drehte das Radio auf. Ich wusste sofort, welche Musik da gerade im Begriff war, sich zu entfalten. Die Kraft, die allein die Anfangsakkorde ausstrahlten, war geradezu magisch. Es war das Schlussterzett aus dem Rosenkavalier mit Anne Sofie von Otter als Oktavian. Unmöglich, sich dieser Musik zu entziehen. Sie paralysierte mich beinahe. Ich drosselte das Tempo und fuhr kaum fünfzig, obwohl achtzig erlaubt gewesen wären.

Ich kam ins Studio, noch völlig gefangen von dieser Musik.

„Kunst und Kultur sollen und müssen für jede und jeden zugänglich und nutzbar sein. Professionelle Kunst- und Kulturarbeit muss angemessen bezahlt werden, wie jede andere Dienstleistung auch.“

Im Anschluss unterhielt ich mich noch mit einer Regisseurin, die kurz vor mir dran gewesen war. Beide ratlos, wie wir in Zeiten wie diesen unserer Arbeit noch eine Chance geben könnten, wo wir doch allein gar nichts machen können. Wir können diesen Zauber auf der Bühne – der Grund, warum wir uns überhaupt dem Theater verschrieben haben – nur dann herstellen, wenn wir andere Menschen finden, die mit uns arbeiten wollen.

Lange Zeit hatte ich immer wieder Zweifel, ob dieser Beruf der richtige für mich sei. So unvernünftig, nicht krisenfest, nicht einmal unter „normalen“ Umständen ein ernstzunehmender Brotberuf. Schon gar nicht mit Familie. Wie soll das gehen? Warum mache ich das überhaupt?

Ein paar Takte des Rosenkavaliers und ich wusste sofort wieder, warum ich Theater so sehr liebe, dass ich ihm meine Energie und Kreativität widme und auch anderen Menschen diese zwingende Emotionalität vermitteln will, die uns kein anderes Medium zu offenbaren vermag.

Abends zuhause öffne ich Social Media und sehe, dass wieder einmal Kollegen von mir einen Beitrag zur aktuell so aktiven „Onlinekultur“ geleistet haben. Sie haben „Hallelujah“ von Leonard Cohen aufgenommen, mit einem neuen Text, der beschreibt, wie Künstlerinnen von zuhause aus kreativ werden und sich nun gezwungenermaßen im Internet ihre neue Bühne suchen.

Und wieder passierte es: Große Gefühle von einer Qualität, die ich selbst als Profi oft im Theateralltag vermisste.

Was ist das? Was wird nun daraus? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wer die Kunst in sein Leben lässt, ist niemals allein.