Einsame Schuhe Nr. 6 – Herbstlaub

Foto: Doris Schumacher

Mitten in der Bewegung ausgebremst. Hopp hopp, weiter. Zwangspause. Notstopp. Hinauf, hinunter, hinauf, hinunter. Der nächste Schritt? Der nächste Halt. Auf unbestimmte Zeit hier festgenagelt. Wo ist er hin? Ich kann seinen Schweiß noch riechen. Links, rechts, links, rechts, links, rechts, immer schneller, immer weiter, und dann das hier. Quasi im Flug abgestreift. Wo sind wir? Und warum? Mal Luft holen. Dazu besteht kein Anlass. Man hat uns unserer Bestimmung beraubt. Welche Bestimmung wäre das? Wir sind zum Handeln geboren. Und jetzt sollen wir plötzlich nichts mehr wollen? Ich frage mich, worin der Sinn liegt. Man kann sich ja mal umsehen. Herbstlaub. Schon gesehen. Es raschelt so schön. Dazu müsste man sich aber fortbewegen. Das hier kann einfach nicht wahr sein. Ich war schon immer mehr ein Fan von urbanen Räumen. Die Natur ist nichts für mich. Asphalt, Lärm, Staub in der Lunge, ideal. Ist doch schön hier. Und ruhig. Zu ruhig. Hier kann man wenigstens Achtsamkeit üben. Ich war schon immer skeptisch, was das angeht. Was soll das mit der Achtsamkeit? Und dieses hässliche Wort: Entschleunigung. Das ist gar kein Wort, sondern eine lächerliche linguistische Konstruktion. Auf dem Schrottplatz der Wörter zwei ausgemusterte Elemente gefunden und zusammengeschweißt – und jetzt im Verkauf, als wäre es was Neues. Bewegung ohne Ruhe führt zu Erschöpfung. Stehenbleiben. Durchatmen. Fragt sich nur, was danach kommt! Nichts! Das ist mir zu wenig. Ich spreche von Perspektiven. Ich spreche davon, die Perspektive zu ändern. Einen neuen Blickwinkel einnehmen. Warum nicht vorwärts? Da ist doch ein Weg! Es gibt viele Wege. Na dann irgendeinen! Entscheidungen! Taten! Dafür sind wir geschaffen. Aber nicht, um stehenzubleiben. Jeder nicht getane Schritt ist für mich ein Rückschritt. Man kann doch auch einmal im Hier und Jetzt sein. Ja, aber nicht zu lange. Die Zukunft wartet nicht! Wir werden älter. Diese Haltung, das sage ich dir, rächt sich irgendwann. Wir sind Schuhe, keine Maschinen. Noch so eine Plattitüde. Ich fasse es nicht, dass wir einfach hier so rumstehen. Keinen Augenblick länger halte ich das aus. Ich weiß schon gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Form und Funktion sind gerade dabei, sich voneinander abzuspalten. Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Jemand muss uns mitnehmen. Hey, hierher! Größe dreiundvierzig! Neuwertig! Gut belüftet! Weißt du, es geht immer um das richtige Marketing. Du kannst weiter für dich Werbung machen, ich bleibe hier. Ernsthaft? Ja. Ich mag das hier. Sowieso ertrage ich deine ständige Unruhe und Gereiztheit nicht mehr. Ich bin hier im Zentrum meiner selbst. Was du so schwafelst. Spricht ein Schuh von seinem Zentrum. Wo wäre das, wenn ich fragen darf? Es lässt sich nicht verorten. Das ist was Metaphysisches. Wenn in der Stille des Waldes ein einzelnes Blatt zu Boden fällt, ist das – gemessen am Universum – wie ein Donnerschlag. Das ist metaphysisch. Stille des Waldes? Was hier so kreucht und fleucht und flattert, ist alles andere als still, das hört sogar ein Stadtschuh. Das Herbstlicht ist doch wunderschön. Es gibt kein schöneres Licht als das Herbstlicht. Zwangsoptimismus. Du hast doch nur Angst, die Kontrolle zu verlieren. Dich auszudehnen. Dir gleichzeitig deiner eigenen Winzigkeit und Größe bewusst zu werden. Deine Sinne zu schärfen. Scharfsinnig bin ich schon. Ich meditiere hier ein bisschen. Und dann? Was machst du dann? Weiß ich noch nicht. Der nächste Schritt muss doch klar sein. Muss er nicht. Muss er doch. Ich bleibe hier und warte, bis das ganze Laub von den Bäumen gefallen ist. Ich liebe Herbstlaub. Es raschelt so schön.