Schweigen

Was passiert da gerade mit mir? Wenn in mir plötzlich dieses ewige Geplapper aufhört? Wenn innen und außen die Stille regiert? Die Stille kann nicht anders als regieren. Auch wenn es täglich so klingt, als ob sie längst ihr Amt abgegeben hätte. Nein. Die Wahrheit ist, sie hat das Zepter noch fest in der Hand. Da setze ich mich hin. Weil ich einfach nicht weiß, was ich sonst tun soll, setze ich mich hier hin, nur für einen kurzen Moment, um Atem zu holen. Sanft senkt sich das Schweigen über mich. Ein Paradoxon: über das Schweigen zu reden. Aber wie sonst soll man dem Schweigen Gehör verschaffen? Wer schweigt, leistet keinen Widerstand. Nimmt nicht Stellung. Ist mehr im Zentrum als alles andere. Wer schweigt, hört zu. Verhält sich wie eine Heiligenstatue. Eine Muttergottes. Ein Buddha. Eine Ikone. Strahlendes Schweigen. Inniges Schweigen. Entrücktes Schweigen. Das Schweigen scheint nunmehr lauter und wichtiger zu sein als je zuvor. Jedes Geräusch stört. Schmerzt. Fühlt sich an wie eine Nadel im Kopfkissen. Wer schweigt, atmet. Es ist ein ruhiger, fließender Atem, nicht bloß so ein oberflächliches Schnappen nach Luft. Wer schweigt, lässt die Dinge passieren. Wer schweigt, ist vor Ort, nimmt aber nicht teil. Ich gebe zu, ich bin keine Expertin im Schweigen. Habe kein Gelübde abgelegt und kann mich kaum einen Profi nennen. Ich schweige vielmehr zum ersten Mal so richtig. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals wirklich geschwiegen zu haben. Selbst wenn ich aus Trotz oder Ärger oder Müdigkeit nicht mehr den Mund aufgemacht habe, oder um jemanden oder mich selbst zu bestrafen oder aber auch zu schonen, oder weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, war das doch kein echtes Schweigen. Im Gegenteil! Es war lauter in mir und um mich herum als sonst. Wenn ich aber tatsächlich schweige, könnte vor mir ein Mord passieren, und ich würde nichts dazu sagen. Es würde an mir vorüberziehen wie ein Film. Wenn ich schweige, habe ich nichts mehr mit der Welt zu tun. Ich bin ausgestiegen. Abgesprungen. Bin weder traurig noch glücklich und schon gar nicht zufrieden. Mein Schweigen hat keine Richtung und kein Ziel. Es ist einfach da. Wunschlos. Sorglos. Willenlos. Ohne Trotz. Ohne Hoffnung, aber nicht hoffnungslos. Zwanglos. Gedankenlos. Sinnlos. Zeitlos. Stopp.