Einsame Schuhe Nr. 4 – Unsichtbar

Es gibt einen Moment, wenn man einen Ort verlassen hat, aber an einem anderen noch nicht ganz angekommen ist, da hat man das Gefühl, man sei unsichtbar. Dort, wo man weg ist, wird man noch nicht vermisst, und dort, wo man demnächst ankommen wird, wartet noch niemand auf einen. Es ist eine seltsame Zeit, die sich über Minuten, Stunden, Tage, aber auch Monate hinziehen kann. Geisterhaft bewegt man sich durch kahle Räume, in denen noch keine Erinnerung Platz genommen hat.
Geht man hinaus, sieht man andere. Man nickt ganz vorsichtig. Man möchte sie grüßen. Nicht, weil man höflich sein oder Kontakte knüpfen will, sondern einzig und allein um festzustellen, ob man gesehen wird. Jemand grüßt zurück. Freundlich. Sobald man aber an ihm vorüber ist, hat er das fremde Gesicht von eben schon wieder vergessen.
Der Unterschied zwischen Anwesenheit und Abwesenheit ist kaum spürbar. Der Unsichtbare ist letztlich weder anwesend noch abwesend. Die Anwesenheit setzt eine beweisbare physische Manifestation im Hier und Jetzt voraus. Die Abwesenheit setzt eine beweisbare physische Manifestation an irgendeinem anderen Ort voraus. Der Unsichtbare aber kann seine Existenz nicht beweisen. Passiert er andere Passanten, haben diese vielleicht das Gefühl, eben einen Windhauch gespürt zu haben. Dass gerade jemand an ihnen vorüber gegangen ist, können sie aber nicht mehr mit Sicherheit sagen. Materie ohne Begriff. Klang ohne Körper. Es verhält sich wie bei einem Besuch auf dem Friedhof: Man rechnet jederzeit damit, dass die Toten sich melden, hört aber dann doch wieder nichts von ihnen. Man wartet jedes Mal darauf, Geistern aus früheren Zeiten zu begegnen, sieht aber de facto nie welche. Da sind sie ja trotzdem. (Man kann sie nicht sehen und sie wollen nicht gesehen werden. Oder man will sie nicht sehen und sie können nicht gesehen werden.)
Kehrt der Unsichtbare in seine Wohnung zurück, merkt er, dass er sich drinnen genauso geisterhaft fühlt wie draußen. Niemand weiß, dass er zuhause ist. Niemand weiß, dass diese erinnerungsfreien Räume überhaupt sein Zuhause sind. Er selbst bezweifelt es schließlich auch noch. Das Namensschild ist zwar schon angebracht, doch gibt es noch keine Verbindung zwischen dem Namen und seinem Träger. Der Name ist nur Name. Er steht für nichts. Der Träger aber ist ein Niemand. Auch er steht noch für nichts. Er scheint nichts mitgebracht zu haben, außer ein paar unbedeutenden Gegenständen.
Das Telefon bleibt stumm. Keine Nachrichten, keine Anrufe. Keine E-Mails. Status: unbekannt. Zuletzt online: unbekannt. Die Spuren verwischt. Der gläserne Schuh ist untergetaucht. Keiner ahnt etwas über seinen Verbleib. Ihm ist gelungen, wonach sich andere vielleicht sehnen: Er ist nicht mehr nur durchsichtig, er hat sich aufgelöst. Ein Fremder unter Fremden. Ein Ding ohne Nutzen und ohne Pflicht. Wenn sich jemand seiner erinnert, dann nur aus schlechtem Gewissen. In der Erinnerung findet sich kein Funken aufrichtiger Anteilnahme.

Einsame Schuhe Nr. 2 – Abschied

Foto: Doris Schumacher

Ein Abschied lässt sich nicht erzwingen. Das ist so: Man hat sich schon verabschiedet, einmal, zweimal, da merkt man, dass man noch immer aneinander hängt. Man schneidet das Band durch, schneidet und schneidet, aber es geht nicht, es ist zu stark. Dann geht man, verschwindet aus dem Blickfeld, ist schon wer weiß wie weit weg, dann merkt man, der andere ist immer noch da. Er lässt sich einfach nicht abschütteln. Oder ist man selbst derjenige, der sich nicht abschütteln lässt? Wer verfolgt hier eigentlich wen? Man hört noch, was der andere sagt, oder glaubt ihn zumindest zu hören. Die Stimme ist einfach so präsent. Man führt Dialoge im Kopf, stumme, sture Dialoge, hört einfach nicht auf zu quatschen, erklärt dem anderen immer wieder, warum und wieso und merkt doch nicht, dass alles schon ganz hohl klingt. Und dann fängt man an, sich zu ärgern, warum man immer noch nicht in der Lage ist, allein zurecht zu kommen. Theoretisch schon, praktisch nicht. Der Kopf hat schon längst alle Entscheidungen getroffen, sie zehn bis zwanzig Mal überprüft, revidiert, dann doch bestätigt, erneut abgewogen und dann in die Warteschleife verbannt, wo sie ihre Kreise ziehen bis zum Sanktnimmerleinstag. Das Herz aber hat noch nicht einmal den ersten Ansatz einer Entscheidung gespürt. Warum ist dieses Herz immer so verdammt langsam? Da hinkt es hinten nach, ignoriert alle Wirbel und Zwirbel in unserem Kopf, alle diese Affirmationen: Es ist besser so. Ich weiß, dass es das Richtige ist. So und nicht anders muss es sein. Das Herz aber will von alldem gar nichts mitbekommen haben. Dumm ist es ja nicht. Es ist zum Glück nicht dumm. Irgendwann kommt es dann. Wenn man die Geduld mit ihm schon fast aufgegeben hat. Dann schleicht es daher, ganz missmutig und klein, trieft noch ein bisschen tränennass, sagt uns mit seiner entwaffnenden Ehrlichkeit: „Sorry, ich war noch nicht so weit.“ Und sofort weiß man, dass es wieder einmal recht gehabt hat. Dass es korrekt war, so lange zu brauchen. Und man begreift, dass der andere die Zeit letztlich doch wert gewesen ist. Man schießt einen eben nicht so aus seinem Leben. Egal, was für einer er war.

Wenn es dann endlich so weit ist, ist das ein ganz komisches Gefühl. Es ist, als würde man schweben. Als würde man abheben, obwohl man doch gar nicht fliegen kann. Man fühlt sich ganz leicht und flau. Ganz wackelig, wie nach langer Krankheit. Verändert. Man sieht die Welt mit anderen Augen. Ist ein Stück weiser geworden. Hat verstanden, dass so ein Abschied keine leichte Sache ist, aber letzten Endes doch gut ist. Man hätte ja unmöglich zusammen bleiben können, selbst wenn man es sich irgendwann versprochen hat. Es ist nicht falsch, so etwas zu versprechen und dann doch nicht zu halten. Jeder wird dafür Verständnis haben. Das Versprechen gar nicht erst zu geben, das ist der größere Fehler. Das hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun.  

Großartig! Unbeschreiblich, was für ein Gefühl. Noch dazu scheint die Sonne. Ein Glück. Wenn es regnen würde, wäre alles noch viel schlimmer. Wenn es regnen würde, weiß ich nicht, ob ich es geschafft hätte. Aber heute war der Tag, die Stunde, der Augenblick. Ich weiß, jetzt geht das Leben weiter. Ich hatte meine Zweifel, die kamen von dem Eindruck her, dass ich mich immer und immer wieder im Kreis gedreht habe. Hopp, bin ich heraus gehüpft aus dem Karussell. Soll es sich ohne mich weiter drehen. Ich kann mich nicht mehr darum kümmern. Ich will es nicht.

Schon komisch. Allein zu gehen. Mir wird das Geräusch noch eine Zeit lang abgehen. Manchmal höre ich es noch, zu lange hat es mich, ja, wie sagt man?, komplettiert. Tripp und Trapp. Tripp und Trapp. Jetzt ist nur mehr mein Tripp zu hören. Tripp. Und dann Stille. Und wieder Tripp. Und wieder Stille. Ich kann ja versuchen, ganz leise zu laufen, damit es nicht so auffällt. Ein Schuh ohne seine bessere Hälfte… Ich denke, wenn ich sehr glücklich aussehe, wird es niemandem auffallen. Ich kann auch noch etwas hier bleiben und die Sonne genießen. Den Wind in den Blättern rauschen hören. Wenn die Sonne untergeht, dann gehe ich. Es hätte ihm gefallen hier, es hätte ihm gefallen. Ja.

Es ist ganz friedlich hier. Unglaublich friedlich. Schön. Diese Stille. Man hört die Grillen zirpen, die Bienen summen, sonst nichts. Ganz entfernt den Lärm der Stadt. Ab und zu kommt ein Auto hier vorbei. Aber dann ist wieder minutenlang nichts. Wahnsinn. Schon toll, dass es solche Flecken noch gibt, wo man einfach sein kann. Einfach nur sein. Sonst nichts. Nichts tun, nichts wollen, nichts müssen. Nur die Natur. War schon eine gute Entscheidung. Jaja. Eine gute Entscheidung. Ja. Ein bisschen traurig ist es schon, keine Frage. Sehr traurig eigentlich.

Ich will die guten Erinnerungen behalten, nur die guten. Die schlechten sollen verblassen. Tun sie auch schon. Das Gute bleibt. Keine Vorwürfe, kein Groll. Es war eine gute Zeit. Ja. Ein bisschen Wehmut kommt jetzt, das ist immer so, wenn man gerade einen Traum zu Grabe getragen hat. Den Kranz niedergelegt, die Schleife drapiert. So soll es bleiben. In ewiger Liebe… oder so ähnlich. Plötzlich ist auch der ganze Zorn verraucht. Dann spaziert man noch ein Stück die Friedhofsmauer entlang und denkt an gar nichts. Man spricht nicht. Man atmet ganz ruhig. Ein Moment fühlt sich an wie ein Stück von der Ewigkeit. So. Die Sonne geht unter. Dann gehe ich jetzt auch. Auf Wiedersehen, vielleicht. Bis bald. Bis bald. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Einsame Schuhe Nr. 1 – Rom

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Foto: Doris Schumacher

Wir waren da. Wir waren dabei! Wir waren… ach, wo wir überall waren! Die ganze Stadt sind wir abgewandert, hierhin und dorthin getreten, an die Gehsteigkanten gestoßen, haben Steinchen über die Piazzas gekickt und den Staub unter den Sohlen zerdrückt. Sentimental hört sich das an. Jaja. Tag für Tag hinaus auf die Straßen, die Treppen hinunter, hinauf, Schritt für Schritt. Ein Schritt der eine, ein Schritt der andere. Solange man jung ist, verschwendet man keine Gedanken an die spätere Zeit. Alles, was kommen könnte, wenn das Ende naht, ist bloß eine vage Vorstellung. Wenn überhaupt. Man lebt im Hier und Jetzt, das haben wir auch getan. Unverletzbar waren wir, vollkommen, kraftvoll, unermüdlich. Sind gelaufen und gelaufen, wohin uns das Leben führte. Wir haben uns niemals in Träumen über das, was besser sein könnte, verloren. Wir haben es genommen, wie es kam. Wir waren keine Opfer, wir waren da! Wir waren dabei. Ja, so war das. Nicht wahr… so war das, damals. Vor vielen Jahren, wieviele sind es gewesen? Wir fühlen uns tatsächlich noch nicht so alt. Ein bisschen durchgelatscht vielleicht. Ausgeleiert. Nicht mehr ganz faltenfrei, zugegeben. Wir hätten gedacht, man würde uns noch eine Weile brauchen. Dass es nicht so schnell gehen würde. Aber dann ging es doch schnell. Wie sehen wir nur aus? Wir können das, was wir im Spiegel sehen, schon lange nicht mehr mit dem in Einklang bringen, was wir fühlen, wer wir sind. Irgendwann hat sich unser Spiegelbild verselbständigt. Eines Tages fragten wir uns plötzlich: Wer sind die beiden Alten da? Das sind doch nicht wir, oder? Wir wussten natürlich, dass wir es waren. Aber wir wollten es nicht wirklich glauben. Nicht eingestehen, dass es schon so weit war.

Wir waren immer zusammen. Immer. Keinen Tag waren wir ohne einander. Ich wüsste auch gar nicht, was wir gemacht hätten… also wir waren unzertrennlich. Das haben wir nicht gewählt, es ist einfach so gekommen. Der Zusammenhalt früher war besser. Heute ist alles so unverbindlich. Zusammen sind wir auch jetzt noch, obwohl wir jetzt alle Freiheiten hätten. In dem Sinn sind wir nie allein. Gemeinsam einsam… das schon. Der Unterschied ist klar, nicht wahr… Ein bisschen verlassen. Der Welt abhanden gekommen. Das sind wir.

Wir leben nebeneinander. Nicht miteinander, nicht füreinander. Nebeneinander. Wie wir es immer getan haben. Keinen Blick auf den anderen riskieren, nicht sehen wollen, wie ähnlich er uns geworden ist, in all der Zeit. Das Rätsel des Anderen werden wir trotz aller Ähnlichkeit niemals lösen können. Jetzt verblasst alles so nach und nach. Es verliert an Bedeutung. Es wird bedeutungslos. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir da sind, oder nicht. Wer wir sind, ist genauso wenig relevant, wie wer wir waren. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, dass wir in der Erinnerung leben. Wir sind nicht immer so ehrlich. Heute gelingt uns das. An manchen Tagen lügen wir uns derart in die Taschen, dass uns die Ohren glühen. Dann erzählen wir uns gegenseitig, wie großartig alles ist und dass es gar nicht besser sein könnte. Einen Moment lang funktioniert das. Dann ist da sofort wieder die Stille. Also die Straße ist laut, aber wir sind still. So mucksmäuschenstill, dass es uns vorkommt, als seien wir gar nicht da. Als seien wir unsichtbar! Dann sehen wir die Welt, aber sie sieht uns nicht!

Wir sprechen ja kaum miteinander. Wir haben früher auch wenig miteinander gesprochen. Die vielgerühmte Kommunikation war nie unsere Sache. Wir waren da, und da gab es nicht viel zu besprechen. Wir haben eben getan, was zu tun war. Heute wollen immer alle alles analysieren, anstatt sich einfach ins Leben zu stürzen. Ja, und sonst…Was gibt es noch zu sagen? Viele Ausländer hier. Also hier in der Straße weniger, ab und zu ein paar. Sie kommen von Sant’Anselmo herunter, die Touristen mit ihren Plastikflaschen und ihren ausländischen Plastikschuhen.

Wir sind ja Italiener. Aber im Prinzip ist es egal, woher man kommt. Hauptsache, der Charakter stimmt. Der Charakter… ist das Wichtigste. Das Wichtigste im Leben überhaupt. Immer geradlinig sein. Vorwärts gehen. Sich nicht verbiegen. Erhobenen Hauptes durchs Leben marschieren. Reinen Gewissens. Mit sauberen Füßen. Nicht treten und nicht treten lassen. Das ist… ja. Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wir beide. Vielleicht die eine oder andere Sache, hie und da zu wenig überlegt, zu schnell gehandelt, aber wer ist fehlerfrei? Wer ist fehlerfrei? Niemand. Aber was hätten wir zwei allein auch schon großartig falsch machen können?