Texte

Einsame Schuhe Nr. 9 – Hängebrücke

Die harten Fakten sind: Ich hänge in der Luft. Schwebe über dem Abgrund. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, ich stecke fest. Meine Welt hat Schieflage, meine Existenz ist aus den Fugen geraten. Ich kann mir leicht mit Wortspielereien die Zeit vertreiben und einreden, all das hätte doch noch einen Sinn. Aber hat es das? Alles ist anders. Alles ist komisch. Wonach ich greife, entschwindet mir. Mir ist schwindlig. Weiß nicht, wohin mit mir. Hoffentlich falle ich nicht runter. Das würde mir den Rest geben. So ein ständiges Schlingern, ein Tasten, ein Schaukeln, ein Fühlen. Wo ist der Weg? Unter mir hat sich ein kleines Rinnsal in einen reißenden Fluss verwandelt. Und ich, hängend an den Seilen der längsten Hängebrücke dieser Erde. Ich muss auf die andere Seite und kann sie nicht einmal sehen. Muss ich? Will ich. Es geht weder vorwärts, noch zurück. Im Augenblick Stillstand. Über mir wölbt sich der Himmel wie eine gigantische Käseglocke. Hallo! Hallo? Jemand da? Kann mir vielleicht wer helfen? Keiner hört mich. Ich bin ganz alleine hier. Ich habe ja nichts gegen eine neue Perspektive, ein bisschen Abenteuer. Von Zeit und Zeit mal einen anderen Blickwinkel einnehmen. Wäre da nicht diese grauenhafte Hilflosigkeit. Ohnmacht. Wie bin ich hierher gekommen? Was habe ich falsch gemacht? Das sind so Fragen, auf die ich keine Antwort finde. Viel eher muss ich mich mit den blanken Tatsachen begnügen. Ich hänge. Mehr gibt es dazu vielleicht gar nicht zu sagen. So lange das Wetter gut ist, ist das an sich kein Problem. Ich will nichts schönreden, aber es gibt Schlimmeres. Flucht oder Krankheit. Krieg. Tod. Hier ist bis auf Weiteres wenigstens alles friedlich, keiner schießt auf mich. Dennoch fühle ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut. Der Wind ist schon rauer geworden. Die Töne etwas schrill. Die Farben nicht mehr so pastellig. Sogar dieserorts kriegt man das mit, obwohl das hier so was wie eine Insel der Seligen sein soll. Das heißt, dass sich die überwiegende Mehrheit noch glaubhaft vormacht, dass die Welt, abgesehen von einigen Schönheitsflecken, doch ganz in Ordnung sei. Sie ist gar nicht in Ordnung! Hört ihr mir zu? Gar nichts ist in Ordnung! Machtgeile Affenärsche führen nach und nach den Untergang von  Moral und Ethik herbei. Und die, die sich darüber aufregen, so wie ich, die können in Wahrheit auch nichts daran ändern. Ein besserer Mensch zu sein lernt man ja heutzutage schon in der frühen Kindheit. Oder auch nicht. Wenn es heute noch regnet, Leute, dann kriege ich die Krise. Was schreie ich hier rum? Völlig umsonst. Ich bin ganz ausgelaugt. Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein. Überhaupt hängt mir der Optimismus zum Hals raus. Der Realismus übrigens auch. Sowieso sind mir Wörter mit Ismus suspekt. Man glaubt zu wissen, was sie bedeuten, aber es ist doch alles nur Interpretation. Wie übrigens auch meine Zwangslage hier. Ich könnte sagen: Endlich mal Zeit für mich! Keiner will was, keiner nervt. Das muss man auch genießen können. Kann ich nicht. Will ich nicht. Glücklich ist, wer schätzt, was er hat. Ich will ja gar nicht glücklich sein. Das wäre auch echt ein bisschen zu viel verlangt.

Einsame Schuhe Nr. 8 – Aufstieg

Ich weiß gar nicht, was alle immer gegen das Alleinsein haben. Im Endeffekt geht einem das ganze Gequatsche um Geld und Ruhm ja doch früher oder später auf den Geist. Die meisten rennen einfach los, aber so geht das nicht. Auf den Berg geht man langsam, Schritt für Schritt. Schweigend. Da muss ich nicht nebenbei über die Börsenkurse informiert werden. Das Wichtigste ist: Nicht aus dem Rhythmus kommen. Es ist sozusagen eine Meditation. Die größtmögliche Freiheit erreicht man beim Bergsteigen. Freier geht nicht. Dann gibt es natürlich die, die schon wieder einen Sport daraus machen. Immer kämpfen, immer die eigenen Grenzen dehnen, das hat aber mit Freiheit nichts zu tun. Es heißt nicht umsonst, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Wenn du so einen Aufstieg vor dir hast, musst du dir das klar vor Augen führen. Wenn du zu schnell startest, kommst du nicht rauf. Du musst dir deine Kräfte einteilen. Nur dann schaffst du es. Jeder kann es schaffen. Jeder kann den Gipfel erreichen. Egal, wie alt oder jung er ist. Ausschlaggebend ist nur, dass du dein eigenes Tempo findest. Du kannst dich auch einmal ein bisschen umschauen, nicht immer nur auf den Boden starren. Die gute Luft einatmen. Die Stille genießen. Den Sonnenaufgang betrachten. Die Kälte in die Lungen einsaugen und gleichzeitig wissen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, sich zu hetzen. Auf den Wiesen liegt noch der Tau. Du musst schon ein bisschen gehen, damit dir warm wird. Dann gehst du und gehst du, die aufgehende Sonne im Gesicht. Am Anfang geht dir noch das eine oder andere aus deinem Leben durch den Kopf, aber irgendwann hörst du auf zu grübeln. Du fragst dich, wie es oben auf dem Gipfel wohl sein wird. Der Gipfel ist im Prinzip alles, woran du noch denkst. Er begleitet dich ständig auf Schritt und Tritt. Wenn es den Gipfel nicht gäbe, wärst du vielleicht gar nicht gestartet. Es geht immer nur darum, hinauf zu kommen. Aber wenn du nicht mehr kannst, bleibst du stehen. Wenn sich das Wetter ändert, drehst du um. Wenn es eine Gefahr gibt, holst du Hilfe. Alles andere wäre reine Dummheit. Du hast eine Karte. Du hältst dich an die Markierungen, verlässt nicht die gesicherte Route. Du weißt, wo die Schutzhütte ist. Du hast genügend Wasser dabei und Nahrung, vielleicht sogar einen Schlafsack. Überhaupt ist dein Rucksack ganz schön schwer. Deshalb musst du langsam gehen. Dein Körper muss sich erst an die Anstrengung gewöhnen. Die ganze Muskulatur ist am Anfang noch starr, die Gelenke noch steif. Das ändert sich mit jedem Schritt. Deine Lungen gewöhnen sich an den vielen Sauerstoff. Du ziehst die Jacke aus, aber pass auf, dass du dich im Wind nicht erkältest. Hier wachsen noch ein paar Bäume, und der Waldweg ist schattig und kühl. Weiter hinauf dann zu den Almen, dort gibt es frische Milch und Wasser. Weiter oben wachsen nur mehr die Latschen, vielleicht ein paar Disteln. Dann weißt du, dass es nicht mehr weit sein kann. Es wird felsig, du musst dich gut halten, vielleicht noch einmal deine Schuhe binden. Hast du einen Hut mitgenommen? Die Sonne brennt dir auf den Kopf, hier gibt es keinen Schatten mehr. Der Weg will schier nicht enden, es ist doch weiter als du dachtest. Jetzt gibst du nicht mehr auf, es gilt, den Gipfel zu erreichen. Vielleicht hast du schon von Weitem das Kreuz gesehen, aber noch bist du nicht oben. Der Weg wird enger, es ist nur mehr ein schmaler Schotterpfad, neben dir stürzen Geröllhalden weit in die Tiefe. Ein falscher Schritt, und du bist verloren. Du konzentrierst dich. Gehst weiter, denkst an nichts anderes mehr als nur nicht abzurutschen, deinen Füßen vor dem nächsten Schritt immer festen Halt zu geben. Deine Kräfte werden vielleicht gerade noch reichen, bis du oben bist. Du krabbelst auf allen Vieren über die Felsen, steigst hinauf, hinauf, deine Hände greifen warmen Stein, halten sich an den letzten Grasbüscheln fest, helfen mit, dein ganzer Körper arbeitet, und unter dir das grüne Tal. Von oben kommen dir Wanderer entgegen, du bleibst stehen, lässt sie vorbei, sie lachen, grüßen freundlich. Einer sagt: „Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Du nickst höflich, und während sie scherzend hinter der nächsten Biegung verschwinden, steigst du weiter hinauf. „Jetzt ist es nicht mehr weit“, denkst du. Bei den letzten Schritten nur keine Dummheit machen, schön vorsichtig, du hast es noch nicht geschafft. Rutsch nicht ab, halt dich schön fest. Oben warten die Dohlen.

Einsame Schuhe Nr. 7 – Untertauchen

Foto: Doris Schumacher

Manchmal muss man eine Entscheidung treffen. Zurückblicken, vorwärtsschauen, das alles hilft eine Zeit lang, aber dann nicht mehr. Abwägen, überdenken, beurteilen, das Urteil revidieren, damit kommt man an gewisse Grenzen. Steht vor einer hohen Ziegelmauer und merkt, dass man das Schild übersehen hat: Sackgasse. No way back. Dann holt man die Steigeisen raus und versucht es mal mit Klettern. Vielleicht kommt man ja oben drüber. Meistens funktioniert das nicht. Vorübergehend kann man sich damit ablenken, dass man sich umsieht und schaut, wo man ist, was links und rechts so los ist, aber mittelfristig kommt man nicht umhin, sich eingehender mit dem Ungetüm zu befassen, das den Weg versperrt. Wie oft hatten wir das schon, denken wir, irgendwann hat sich alles von selbst geregelt. Auf fast magische Art und Weise ist dann doch eine Tür aufgegangen oder wir sind wie die Gespenster einfach durch das Mauerwerk geflutscht. Und weiter ging’s. Aber jetzt ist es anders, da ist keine Mauer. Es geht hinunter, direkt ins kalte Bad. Hinein in diese trübe Brühe, kein Mensch weiß, ob wir da jemals wieder rauskommen werden. Keine Brücke weit und breit, und selbst wenn da eine wäre, wüssten wir doch, dass wir den anderen Weg gehen müssen. Schwimmen, so lange wir noch können. Und dann? Tief Atem holen, Augen zu, Luft anhalten, untertauchen. Ein Gefühl dafür kriegen, wann wir gegen die Strömung ankämpfen und wann wir uns treiben lassen sollen. Kraft sparen. Aber nicht die Stromschnellen unterschätzen, das hat schon den ein oder anderen das Leben gekostet, und sterben wollen wir auf keinen Fall. Wer kann das schon alles beim ersten Mal so genau beurteilen? Es ist nicht das erste Mal für uns, aber doch wieder neu. In dieser Intensität erschreckend anders als beim letzten Mal. Noch sind uns keine Flossen und Kiemen gewachsen. Noch sind wir keine Kinder des Flusses namens Veränderung, wir klammern uns an einen Strohhalm wie an einen Schnorchel, den wir nicht haben, schauen, dass wir an die Oberfläche kommen und saugen verzweifelt die Luft ein, bevor wir wieder abtauchen. Gezwungenermaßen.
Wir wollten ja gar nicht hier her. Was soll das alles? Keiner gibt uns Antwort. Nur der Bach vor uns und sein unheimliches Fließen. Normalerweise ein Rinnsal, man sieht die Steine am Grund. Nach ein paar Tagen Regen ein undurchschaubarer Strom. Frisch geputzt und neu einzementiert. Das hat er sich auch nicht ausgesucht. Wahrscheinlich will er das alles genauso wenig wie wir. Na gut, vielleicht sind wir hinterher wenigstens etwas klüger. Reifer. Weiser. Noch zwei Stufen und schon berühren wir mit der Spitze die Wasseroberfläche. Kalt. Fließend. Im Nu werden wir weggespült werden, wie ein Stück Rinde. Bald befinden wir uns in einem größeren Zusammenhang. Verlieren uns. Jeder kämpft für sich allein – da, wo wir hinkommen werden, gibt es kein Wir. Dafür ist es viel zu umfassend. Ob wir uns wiedersehen werden? Es wird eine andere Zeit sein. So oder so. Und auch wir werden andere sein. Was? Wir sind noch immer hier? Wer macht den ersten Schritt? Wer ist der Testpinguin? Wer springt schon freiwillig als erster? Also los. Hand in Hand. Auf drei.

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Einsame Schuhe Nr. 6 – Herbstlaub

Foto: Doris Schumacher

Mitten in der Bewegung ausgebremst. Hopp hopp, weiter. Zwangspause. Notstopp. Hinauf, hinunter, hinauf, hinunter. Der nächste Schritt? Der nächste Halt. Auf unbestimmte Zeit hier festgenagelt. Wo ist er hin? Ich kann seinen Schweiß noch riechen. Links, rechts, links, rechts, links, rechts, immer schneller, immer weiter, und dann das hier. Quasi im Flug abgestreift. Wo sind wir? Und warum? Mal Luft holen. Dazu besteht kein Anlass. Man hat uns unserer Bestimmung beraubt. Welche Bestimmung wäre das? Wir sind zum Handeln geboren. Und jetzt sollen wir plötzlich nichts mehr wollen? Ich frage mich, worin der Sinn liegt. Man kann sich ja mal umsehen. Herbstlaub. Schon gesehen. Es raschelt so schön. Dazu müsste man sich aber fortbewegen. Das hier kann einfach nicht wahr sein. Ich war schon immer mehr ein Fan von urbanen Räumen. Die Natur ist nichts für mich. Asphalt, Lärm, Staub in der Lunge, ideal. Ist doch schön hier. Und ruhig. Zu ruhig. Hier kann man wenigstens Achtsamkeit üben. Ich war schon immer skeptisch, was das angeht. Was soll das mit der Achtsamkeit? Und dieses hässliche Wort: Entschleunigung. Das ist gar kein Wort, sondern eine lächerliche linguistische Konstruktion. Auf dem Schrottplatz der Wörter zwei ausgemusterte Elemente gefunden und zusammengeschweißt – und jetzt im Verkauf, als wäre es was Neues. Bewegung ohne Ruhe führt zu Erschöpfung. Stehenbleiben. Durchatmen. Fragt sich nur, was danach kommt! Nichts! Das ist mir zu wenig. Ich spreche von Perspektiven. Ich spreche davon, die Perspektive zu ändern. Einen neuen Blickwinkel einnehmen. Warum nicht vorwärts? Da ist doch ein Weg! Es gibt viele Wege. Na dann irgendeinen! Entscheidungen! Taten! Dafür sind wir geschaffen. Aber nicht, um stehenzubleiben. Jeder nicht getane Schritt ist für mich ein Rückschritt. Man kann doch auch einmal im Hier und Jetzt sein. Ja, aber nicht zu lange. Die Zukunft wartet nicht! Wir werden älter. Diese Haltung, das sage ich dir, rächt sich irgendwann. Wir sind Schuhe, keine Maschinen. Noch so eine Plattitüde. Ich fasse es nicht, dass wir einfach hier so rumstehen. Keinen Augenblick länger halte ich das aus. Ich weiß schon gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Form und Funktion sind gerade dabei, sich voneinander abzuspalten. Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Jemand muss uns mitnehmen. Hey, hierher! Größe dreiundvierzig! Neuwertig! Gut belüftet! Weißt du, es geht immer um das richtige Marketing. Du kannst weiter für dich Werbung machen, ich bleibe hier. Ernsthaft? Ja. Ich mag das hier. Sowieso ertrage ich deine ständige Unruhe und Gereiztheit nicht mehr. Ich bin hier im Zentrum meiner selbst. Was du so schwafelst. Spricht ein Schuh von seinem Zentrum. Wo wäre das, wenn ich fragen darf? Es lässt sich nicht verorten. Das ist was Metaphysisches. Wenn in der Stille des Waldes ein einzelnes Blatt zu Boden fällt, ist das – gemessen am Universum – wie ein Donnerschlag. Das ist metaphysisch. Stille des Waldes? Was hier so kreucht und fleucht und flattert, ist alles andere als still, das hört sogar ein Stadtschuh. Das Herbstlicht ist doch wunderschön. Es gibt kein schöneres Licht als das Herbstlicht. Zwangsoptimismus. Du hast doch nur Angst, die Kontrolle zu verlieren. Dich auszudehnen. Dir gleichzeitig deiner eigenen Winzigkeit und Größe bewusst zu werden. Deine Sinne zu schärfen. Scharfsinnig bin ich schon. Ich meditiere hier ein bisschen. Und dann? Was machst du dann? Weiß ich noch nicht. Der nächste Schritt muss doch klar sein. Muss er nicht. Muss er doch. Ich bleibe hier und warte, bis das ganze Laub von den Bäumen gefallen ist. Ich liebe Herbstlaub. Es raschelt so schön.

Schweigen

Was passiert da gerade mit mir? Wenn in mir plötzlich dieses ewige Geplapper aufhört? Wenn innen und außen die Stille regiert? Die Stille kann nicht anders als regieren. Auch wenn es täglich so klingt, als ob sie längst ihr Amt abgegeben hätte. Nein. Die Wahrheit ist, sie hat das Zepter noch fest in der Hand. Da setze ich mich hin. Weil ich einfach nicht weiß, was ich sonst tun soll, setze ich mich hier hin, nur für einen kurzen Moment, um Atem zu holen. Sanft senkt sich das Schweigen über mich. Ein Paradoxon: über das Schweigen zu reden. Aber wie sonst soll man dem Schweigen Gehör verschaffen? Wer schweigt, leistet keinen Widerstand. Nimmt nicht Stellung. Ist mehr im Zentrum als alles andere. Wer schweigt, hört zu. Verhält sich wie eine Heiligenstatue. Eine Muttergottes. Ein Buddha. Eine Ikone. Strahlendes Schweigen. Inniges Schweigen. Entrücktes Schweigen. Das Schweigen scheint nunmehr lauter und wichtiger zu sein als je zuvor. Jedes Geräusch stört. Schmerzt. Fühlt sich an wie eine Nadel im Kopfkissen. Wer schweigt, atmet. Es ist ein ruhiger, fließender Atem, nicht bloß so ein oberflächliches Schnappen nach Luft. Wer schweigt, lässt die Dinge passieren. Wer schweigt, ist vor Ort, nimmt aber nicht teil. Ich gebe zu, ich bin keine Expertin im Schweigen. Habe kein Gelübde abgelegt und kann mich kaum einen Profi nennen. Ich schweige vielmehr zum ersten Mal so richtig. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals wirklich geschwiegen zu haben. Selbst wenn ich aus Trotz oder Ärger oder Müdigkeit nicht mehr den Mund aufgemacht habe, oder um jemanden oder mich selbst zu bestrafen oder aber auch zu schonen, oder weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, war das doch kein echtes Schweigen. Im Gegenteil! Es war lauter in mir und um mich herum als sonst. Wenn ich aber tatsächlich schweige, könnte vor mir ein Mord passieren, und ich würde nichts dazu sagen. Es würde an mir vorüberziehen wie ein Film. Wenn ich schweige, habe ich nichts mehr mit der Welt zu tun. Ich bin ausgestiegen. Abgesprungen. Bin weder traurig noch glücklich und schon gar nicht zufrieden. Mein Schweigen hat keine Richtung und kein Ziel. Es ist einfach da. Wunschlos. Sorglos. Willenlos. Ohne Trotz. Ohne Hoffnung, aber nicht hoffnungslos. Zwanglos. Gedankenlos. Sinnlos. Zeitlos. Stopp.

Einsame Schuhe Nr. 5 – Felix

Foto: Doris Schumacher


(Zaghaft) Hallo!
Hallo, Kleiner! Was machst du hier ganz alleine? Wo ist deine Mama?
(Unsicher) Mama?
Deine Mama? Wo ist sie?
Mama? Mama? (fängt an zu weinen)
Nein, nein, wir finden deine Mama schon wieder.
(schluchzt) Mama!
Wie heißt du?
Felix.
Ok, Felix. Weißt du, wo du wohnst?
(Kopfschütteln)
Hast du einen Bruder oder eine Schwester?
Buder.
Wie heißt dein Bruder?
(Kopfschütteln.)
Dein Bruder, wie heißt er?
(unsicherer Blick)
Heißt er vielleicht Lukas?
Kopfschütteln.
Oder Benjamin?
(Lächeln.)
Heißt er Benjamin?
(Kopfschütteln.)
Hm. Heißt er vielleicht Laurenz?
(Schluchzen.)
Heißt er Theo?
Ja.
Theo heißt dein Bruder.
(unsicher) Deo.
Und, wohin wolltet ihr gehen? Zum Einkaufen?
(Nicken.)
Was wolltet ihr kaufen?
Kuchen.
Kuchen, aha. Hast du Geburtstag?
Deo Butstag.
Aha, Theo hat Geburtstag. Wie alt ist denn Theo?
(Kopfschütteln.)
Ist er kleiner oder größer als du?
(Schulterzucken.)
Bist du aus dem Kinderwagen gefallen?
Ja.
Hm. Deine Mama wird dich bestimmt schon suchen.
(schreit) Mama, Mama, Mama, Mama!
 
Was machen Sie mit dem Kleinen?
Ich? Nichts! Er ist verloren worden.
Und Sie? Was haben Sie hier verloren?
Ich kümmere mich um ihn.
Was geht Sie der Kleine an?
Was geht es Sie an, was mich der Kleine angeht?
Sehr viel sogar. Man weiß ja nicht, mit wem man es zu tun hat.
Das sagen Sie!
Lassen Sie den Kleinen in Ruhe.
Er hat seine Mutter verloren.
Ich rufe die Polizei.
Das ist doch nicht nötig. Sie wird doch bestimmt schon nach ihm suchen. Sie sehen doch, dass er Angst hat.
(Er ruft die Polizei.)
Na gut, dann kann ich ja gehen. Baba, Felix. (geht)
Baba.
Wie heißt du?
Felix.
Die Polizei kommt gleich, Felix. Ich warte hier mit dir. Wie heißt deine Mama?
Mama!
Wo wohnt ihr?
(Kopfschütteln.)
So einen kleinen Schuh verlieren, wie geht denn das? Was ist denn das für eine Mutter?
Mama! Mama! Mama!
Willst du ein Eis?
Eis.
Na, dann komm mit, ich kaufe dir ein Eis.
(Kopfschütteln.)
Nicht. Na dann nicht.
Ah ja, schon da, die Kollegen von der Exekutive.
Der Kleine wurde verloren. Ich muss dann weiter. Sie kümmern sich ja darum.

(Zu Felix) Wie heißt du?
Felix.
Wo ist deine Mama?
(schreit) Mama! Mama! Mama! Mama! Mama! Mama! Mama!
Na, sie wird schon wieder kommen, deine Mama. Was machen wir denn jetzt mit dir?

 
 
 

Einsame Schuhe Nr. 4 – Unsichtbar

Es gibt einen Moment, wenn man einen Ort verlassen hat, aber an einem anderen noch nicht ganz angekommen ist, da hat man das Gefühl, man sei unsichtbar. Dort, wo man weg ist, wird man noch nicht vermisst, und dort, wo man demnächst ankommen wird, wartet noch niemand auf einen. Es ist eine seltsame Zeit, die sich über Minuten, Stunden, Tage, aber auch Monate hinziehen kann. Geisterhaft bewegt man sich durch kahle Räume, in denen noch keine Erinnerung Platz genommen hat.
Geht man hinaus, sieht man andere. Man nickt ganz vorsichtig. Man möchte sie grüßen. Nicht, weil man höflich sein oder Kontakte knüpfen will, sondern einzig und allein um festzustellen, ob man gesehen wird. Jemand grüßt zurück. Freundlich. Sobald man aber an ihm vorüber ist, hat er das fremde Gesicht von eben schon wieder vergessen.
Der Unterschied zwischen Anwesenheit und Abwesenheit ist kaum spürbar. Der Unsichtbare ist letztlich weder anwesend noch abwesend. Die Anwesenheit setzt eine beweisbare physische Manifestation im Hier und Jetzt voraus. Die Abwesenheit setzt eine beweisbare physische Manifestation an irgendeinem anderen Ort voraus. Der Unsichtbare aber kann seine Existenz nicht beweisen. Passiert er andere Passanten, haben diese vielleicht das Gefühl, eben einen Windhauch gespürt zu haben. Dass gerade jemand an ihnen vorüber gegangen ist, können sie aber nicht mehr mit Sicherheit sagen. Materie ohne Begriff. Klang ohne Körper. Es verhält sich wie bei einem Besuch auf dem Friedhof: Man rechnet jederzeit damit, dass die Toten sich melden, hört aber dann doch wieder nichts von ihnen. Man wartet jedes Mal darauf, Geistern aus früheren Zeiten zu begegnen, sieht aber de facto nie welche. Da sind sie ja trotzdem. (Man kann sie nicht sehen und sie wollen nicht gesehen werden. Oder man will sie nicht sehen und sie können nicht gesehen werden.)
Kehrt der Unsichtbare in seine Wohnung zurück, merkt er, dass er sich drinnen genauso geisterhaft fühlt wie draußen. Niemand weiß, dass er zuhause ist. Niemand weiß, dass diese erinnerungsfreien Räume überhaupt sein Zuhause sind. Er selbst bezweifelt es schließlich auch noch. Das Namensschild ist zwar schon angebracht, doch gibt es noch keine Verbindung zwischen dem Namen und seinem Träger. Der Name ist nur Name. Er steht für nichts. Der Träger aber ist ein Niemand. Auch er steht noch für nichts. Er scheint nichts mitgebracht zu haben, außer ein paar unbedeutenden Gegenständen.
Das Telefon bleibt stumm. Keine Nachrichten, keine Anrufe. Keine E-Mails. Status: unbekannt. Zuletzt online: unbekannt. Die Spuren verwischt. Der gläserne Schuh ist untergetaucht. Keiner ahnt etwas über seinen Verbleib. Ihm ist gelungen, wonach sich andere vielleicht sehnen: Er ist nicht mehr nur durchsichtig, er hat sich aufgelöst. Ein Fremder unter Fremden. Ein Ding ohne Nutzen und ohne Pflicht. Wenn sich jemand seiner erinnert, dann nur aus schlechtem Gewissen. In der Erinnerung findet sich kein Funken aufrichtiger Anteilnahme.